Tagebuch

September 2006

Unter dem Ottograb

Claudia Hartung

Am 6. September 2006 begannen die archäologischen Forschungsgrabungen vor und im Magdeburger Dom. Für mich war dies bereits die zweite Kampagne an der Seite von Rainer Kuhn, nachdem wir 2001 bis 2004 auf dem Domplatz am Standort der vermeintlichen Königspfalz Ottos des Großen (912-973) die Reste einer ottonisch-romanischen Kathedrale aufgespürt hatten. Das wiederum warf die Frage auf, was denn vor tausend Jahren am Ort des heutigen Doms gestanden hatte. Denn auch hier gab es Mauerreste und sogar eine Krypta. Nun war es an uns, Licht ins Dunkel zu bringen.

Bereits im Vorfeld der Grabung haben wir uns viele Gedanken gemacht, alte Pläne und Berichte studiert. Sind wir doch nicht die Ersten, die hier den Spaten ansetzen! Werden wir ebenfalls auf Mauern stoßen? Unsere Ziele sind klar gesetzt: den Grundriss der Kirche unter dem Dom erforschen, sein Alter bestimmen, vor allem seine Identifizierung. Jeder Grabungsschnitt trägt nun seine eigenen Erwartungen. Wir begannen vor den Domtürmen, also im Westen, wo sich Anfang September der Bagger dreht und die Pflastersteine aufnimmt.

Am 11. September 2006 bin ich selbst dreieinhalb Meter unter der Erde. Unmittelbar unter dem Grab von Otto dem Großen. Es ist dunkel, eng, stickig und in Anbetracht der untergrabenen und über mir hängenden Fundamentzüge nicht ungefährlich. Dieser Bereich wird auch als „die Pioniergräben des Baurat Angelroth bezeichnet“.

Wie kam es zu diesen Gräben unter dem Kaisergrab? Auch Angelroth stelle sich im Jahr 1896 diese Frage, war er doch nicht ihr Verursacher. Er begann mit Hilfe des Magdeburger Pionierbatallions, die weitläufigen Gänge unter dem Hohen Chor zu durchforschen bzw. diese zu erweitern. Die Suche galt einer ottonischen Krypta. Seine Neugier weckten ältere Berichte. Wie jener abenteuerlich klingende, um 1670 verfasste:
„Der Eingang ist hinter dem Altar, wo zwei Treppen, eine seitwärts zum Grabe des Erzbischofs Dietrich, die andere aber geradeaus zu der Capelle des Otto führen. Der Domherr Johann Caspar von Ohr stieg einst mit dem Küster Böhme hinunter, nachdem der Eingang einige Tage vorher geöffnet worden war. Beide trugen eine Krankheit, insbesondere der Küster einen Ausschlag davon. Nach ihrer Erzählung verloren sich in der Gegend des Udoschen Steins die Seitenmauern. Hier mussten sie einen Sprung hinab wagen. In der Capelle selbst, deren Eingang von Quadersteinen sehr dicke Hespenhaken hatte, fanden sie rechts einen kleinen Meßaltar, und neben demselben in einem Loche eine Schachtel mit einem Stück Holz, eines Fingers lang, welches der Küster an einen Mönch, der es für ein Stück vom Kreuze Christi hielt, für zwei Ducaten verkaufte, und ein zusammengelegtes Pergamentblatt mit Mönchsschrift beschrieben. Vermutlich hat die Capelle ehemals da eine Öffnung gehabt, welche ihr Licht gab und die Ausdünstung herauszog, wo jetzt der von Udo berufene Stein liegt".

Die Gräben entstanden vermutlich, als die liturgische Nutzung des hohen Chores eingeschränkt oder gar eingestellt war, bspw. zur Zeit des Umbruchs vor Einführung der Reformation im Jahr 1567. Damals war der Dom nahezu zwanzig Jahre lang verschlossen. Denn solche Schachtungen konnten nicht unbemerkt durchgeführt werden. Lärm und der anfallender Aushub wären nicht unbemerkt geblieben. Dabei ist auffällig, dass sich die Gänge im Bereich unter dem Ottograb konzentrieren.
Auch die Zeit der Belagerung im Schmalkaldischen Krieg um 1550/51 ist nicht auszuschließen. Es wird berichtet, Soldaten hätten das silberne, mit goldenen Buchstaben versehene, Schriftband am Grab abgerissen. Dies gibt zumindest einen Hinweis auf Plünderungen. Tatsächlich belegen lässt sich eine Raubgrabung um 1630. Sicher ist auch, dass die Gräben immer wieder die Neugier und die Phantasien verschiedener Generationen auf sich zogen, weshalb sie durch Aufsuchen, Nachgraben und Verfüllen ständige Veränderungen und Zerstörungen erfuhren. Zuletzt um 1901.

Heute sind die Gräben z.T. verfüllt und somit ist nur noch ein kleiner Bereich erforschbar. Ich beginne, den Zustand zu dokumentieren. Fotografieren, Einmessen, Zeichnen, Beschreiben. Grabungsalltag an einem ungewöhnlichen Ort, an dem die Zeit stillzustehen scheint. Zum Schluss noch eine Zusammenfassung mit den gewonnenen Erkenntnissen. Archäologenalltag, aber ausgesprochen spannend.

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